Armer Hase

Der erste Band mit Ostermordgeschichten aus der Edition Krimi

© Leipziger Internet Zeitung | Ralf Julke | 11. Februar 2018


Mit Giftmorden und Weihnachtsmorden hat die Edition Krimi die Leser schon mehrfach erfreut. Nun ist das Osterfest dran. Und der arme Bursche mit den Schlappohren, zumindest auf dem Cover. In den Geschichten ist es eher so, dass das Osterfest so manchem unachtsamen Zeitgenossen zum Verhängnis wird. Und manch Bursche mit Schlappohren wird zum Täter.

Aber ist es wirklich das, was solche Sammelbände spannend macht? Könnte es sein, wenn sich unter den Beteiligten herumsprechen würde, dass grimmige Leser wie ich die Bändchen in die Hand bekommen. Und dann so etwas Schreckliches tun wie vergleichend zu lesen. Ich kann nicht anders. Ich bin ein infizierter Leser, infiziert mit dem, was die Großen des Genres geschaffen haben – die Christie, die Doyle, die Chesterton und wie sie alle heißen, die sich auch und gerade im kurzen Genre ausgetobt haben. Bei denen heißt das Short Story und wird auch an Akademien gelehrt.

Da lernt man die Technik dieser Geschichten, ihre Funktionsweise – also das, was ein guter Autor im Schlaf beherrscht. Das, was die Hamburger Drehbuchautorin Swenja Karsten in „Deadline“ beschreibt, passiert gestandenen Autoren nicht. Sie vertrödeln ihre Tage vorm Abgabetermin nicht mit Putzen, Kochen, Restaurant- und Kinobesuchen, weil sie glauben, sie kämen so auf Ideen.

Autoren sind voller Ideen. Deswegen landen sie für gewöhnlich in diesem Metier.

Die anderen schreiben in Deutschland Drehbücher.

Deswegen kommt mir kein ARD und kein ZDF mehr in die Wohnung. Und auch der ganze andere Highsociety-Quark nicht, bei dem man schon bei der ersten Totale merkt: Hier haben die Leute das Weltbild aus der Sparkassenwerbung, da fahren fette Autos auf, besitzen die Akteure teure Villen und Hotels, die Frauen sind Inhaberinnen schnieker Agenturen, die Männer toughe Architekten, Rechtsanwälte und was der sonstigen Nobelberufe mehr sind.

Praktisch nie sind sie Postbote bei DHL, Straßenbahnfahrer, Putzkraft oder Dachdecker, all die Berufe, die unsereiner hier auf Erden ausübt. Die man freilich auch nicht mit „kriminell“ in Verbindung bringt. Das überrascht schon so beim Umblättern, wenn man merkt, wie sehr einige Autorinnen auf die Fake-Welt unserer deutschen Fernsehsender fixiert sind. Glauben sie wirklich, dass das die Wirklichkeit ist?

Sie merken schon: Das befremdet einen Leser wie mich. Auch weil ich mittlerweile Berge von Krimis aus der Gegenwart gelesen habe, in denen auch die ganz und gar nicht schickimicki Gegenwart Kulisse ist. Dazu gibt es auch ein paar Geschichten im Buch. Einige der Autorinnen und Autoren leben sichtlich noch im Hier und Jetzt und lassen einen Kaufhallenangestellten das Seine tun, um aus der Mühle zu entkommen, oder auch mal einen Schwiegermütterstreit auf dem Dorf eskalieren. Aber nicht nur in der „Deadline“-Geschichte steckt so ein Stück Weißes-Blatt-Papier-Panik. Eine Panik, die mich schon immer frappiert hat: Warum schreiben die Leute über ihre Unfähigkeit, eine Geschichte zu schreiben?

Man schreibt doch, weil es einen dazu treibt, weil das Unerzählte zur Geschichte drängt. Solche Sammelbände sind wie alte Geschichtenabende, bei denen alle ums Feuer sitzen und versuchen, die Anderen mit einer möglichst guten Geschichte zu fesseln und zu überbieten. So wie bei Boccaccio im „Decamerone“ oder bei Wilhelm Hauff in „Das Wirtshaus im Spessart“. Davon lebten einst die großen Grusel-Geschichten-Bände. Und davon lebt auch die ein oder andere Geschichte in diesen Bändchen.

Es gibt sie durchaus und sie haben dann so etwas hübsches Roald-Dahl-Haftes: Trau nicht dem Anschein und fürchte das Schlimmste. Da gibt es den Polizisten, der bei Sturm auf einen Schrotthof durchaus das Schlimmste Befürchtet. Und die Polizistin, die eine richtige Mordserie erst in dem Moment aufklären kann, in dem sie die schräge Liebe des Gerichtsmediziners begreift.

Andere Geschichten nehmen noch seltsamere Wendungen – etwa wenn ein Stalker glaubt, ein ausgebufftes Berliner Mädchen als Osterhase entführen zu können. Oder wenn ein verwirrter Mann entdeckt, dass er in Frauenkleidern auf einmal zum Objekt der Begierde wird. Zum Glück wird nicht in jeder Geschichte gemordet. Auch das so ein Irrglaube im heutigen Krimi-Business, in dem alle glauben, immerfort möglichst blutige Morde erzählen zu müssen. Dabei sind die meisten Straftaten deutlich harmloserer Natur – spielen Irrungen und Verwirrungen eine größere Rolle, die biblischen „Todsünden“, die auch des öfteren zitiert werden. Denn die meisten Autorinnen sind so brav, dass sie erst in der Bibel nachschauen müssen, um zu erfahren, wie das mit Mordsgelüsten eigentlich ist.

Natürlich spielen Neid, Gier und Eifersucht eine Rolle. Von denen auch die meisten scheinbar unbescholtenen Zeitgenossen besessen sind. Und irgendwann brechen die Emotionen auf und es kommt zum großen Drama – so wie in Frank Kreislers Bauernhof-Geschichte. Oder wie in Laszlo I. Kishs Geschichte „Vollpascha“, die nur auf den ersten Blick wie eine bittere Satire auf die Weihnachtsmannvermittlung der Jobcenter wirkt.

Denn das kommt ja zwangsläufig bei solchen Geschichten zu einem alten christlichen Fest, das eigentlich nur noch in Fiktionen existiert, während hinieden alles dem süßen, oberflächlichen Geschäftemachen unterworfen ist – bis hin zur Rolle des Geschenkebringers.

An solchen Stellen berührt die Geschichtensammlung die Wirklichkeit, die eigentlich selbst längst eine Satire ist, etwas mit Preis und schöner Verpackung zur Ware Verkommenes. Eine Welt, in der die handelnden Figuren sichtlich verwirrt und ratlos sind, einige regelrecht vom Kaufrausch besessen. Oder von männlicher Eitelkeit, wie in Schlueters „Badeleiche in Bunnywood“, eine Geschichte, in der einem tatsächlich kurz ein paar Playboy-Häsinnen über den Weg laufen und der grimmige Gedanke durch den Kopf spukt: Sind Frauen wirklich so doof, dass sie sich freiwillig zu Bunnys machen lassen?

Es geht also hübsch rauf und runter in diesen Geschichten. Mit ab und zu spürbaren Bauchschmerzen an einer irregewordenen Welt. Da gibt es eigentlich genug zu erzählen. Und genug Typen, die einfach reif sind für ein österliches Missgeschick. Im Krimi darf man das ja. In der Wirklichkeit wird’s schwieriger. Da haben die Schlitzohren meist das fettere Konto und den besseren Anwalt. Und der Osterhase kommt bei ihnen als leckerer Braten auf den Tisch, aufgetragen von den stillen Dienstwilligen, die froh sind, wenn sie sich als Buttler was dazuverdienen dürfen.

Man bringt ja die fiesen Typen, die sich an der Festtafel schlecht benehmen, nicht gleich um, oder?

Naja: Einen Gedanken scheint es wert … und es ist ja erst der erste Sammelband mit Ostermordgeschichten.


© Leipziger Internet Zeitung | Ralf Julke | 11. Februar 2018