Todesangst: Tote Jungen in Dresden, ein Profikiller und ein paar schrecklich lieblose Familien

Andreas M. Sturms fünfter Krimi aus dem Dresdner Schattenreich

© Leipziger Internet Zeitung | Ralf Julke | 15. Juni 2018 


Um die Leipziger Krimi-Szene ist es etwas still geworden in letzter Zeit. Aber Andreas M. Sturm in Dresden macht unbeirrt weiter. Jetzt hat er seinen fünften Roman um das Ermittlerinnen-Duo Karin Wolf und Sandra König vorgelegt, die seit 2012 in einer Stadt unterwegs sind, in der augenscheinlich niemand mehr so recht daran glaubt, dass es in Staat und Justiz mit rechten Dingen zugeht. Denn seine übelsten Bösewichter kommen aus den hohen Etagen des Staates.

Und vielleicht trifft er da den Nerv dieses Landes, in dem ein zielloser Unmut grollt, der sich scheinbar an Ausländern abarbeitet, aber eigentlich voller Misstrauen in die Funktionsfähigkeit des Staates ist. Sonst hätten ja nicht so viele Leute das Gefühl, Bürger 2. Klasse zu sein. Obwohl auch die beiden Dresdner Kriminalbeamtinnen den wirklichen Bürgern 2. und 3. Klasse eher selten begegnen.

Denn das Verblüffende ist: In Krimis morden sie kaum. Da tauchen sie eher als vom Leben gebeutelte Gestalten auf, die sich mit Nachtschichten, drei Jobs oder Kleinkriminalität irgendwie versuchen über Wasser zu halten. Auch die großen Kriminalstraftaten gehen nicht auf ihr Konto. Auch wenn die Hammerharten aus Polizei und konservativen Parteien immer so tun, als müsste man die kleinen Ganoven mit immer mehr Mannschaft jagen und repressieren.

Die Großen Fische aber bleiben unbehelligt. Denn in der Regel sind es Leute im Nadelstreifenanzug, mit Villa im Etepetete-Viertel und allerbesten Beziehungen zur Highsociety. Ein Thema, das Andreas M. Sturm beschäftigt, seit er 2012 seinen ersten Krimi „Vollstreckung“ veröffentlichte. Manchmal geht es durchaus in psychische Abgründe. Und er liebt es auch, die Spannung bis zur Weckerverzweiflung zu treiben.

Weckerverzweiflung kennt jeder Krimi-Leser: Er weiß genau, dass der Wecker um 5:30 Uhr klingelt, aber um Mitternacht liegt er mit dem Krimi immer noch hellwach unter der Leselampe und kann nicht aufhören, weil der Autor alle seine Handlungsfäden so zugespitzt hat, dass gleich unbedingt etwas Schreckliches passieren muss. Und man blättert weiter, hat noch 90 Seiten vor sich und bekommt immer mehr solcher Momente, in denen der Autor mit Wonne genau da den Kapitelschluss setzt, wo alles sich auf einen richtig dramatischen Punkt  hin entwickelt hat, die Heldinnen in höchster Gefahr sind und ein blutiger Mörder gerade dabei ist, den letzten Knopf zu drücken.

Und Sturm hat sein neuestes Buch mit solchen Kapiteln vollgepackt. Es wäre also keine gute Empfehlung, den Krimi ausgerechnet am Sonntagabend anzufangen. Lieber mit Anstoß dieses nationalen Massenexzesses, der jetzt in Russland zelebriert wird und der den deutschen Notaufnahmen die Masseneinweisung von kollabierenden Mannsbildern bescheren wird, die zu viel getrunken, zu viel gefressen und nie etwas für ihre Kondition getan haben.

Es wird eine laute und bekloppte Zeit. Da lohnt es sich einfach, sich mit Krimi und Rotwein zu absentieren. Lieber mit den beiden ineinander verliebten Kommissarinnen auf Pirsch gehen und Todesangst ausstehen, wobei es diesmal nicht nur Karin Wolf ist, die solche Ängste aussteht, weil ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt ist und ein Berufskiller in der Stadt ist, der ihr das Lebenslicht auspusten soll mit einem halben Kilo Semtex.

Den Ärger hat sie sich in einem der vorhergehenden Bände eingehandelt, als sie bei der Lösung eines ebenso brisanten Falles einem sächsischen Politiker namens Herko Christen zu nahe auf den Pelz gerückt ist, ein Buch, aus dem der modrige Geruch des schon wieder hübsch wegretuschierten Sachsensumpfes drang.

Andreas M. Sturm kennt sein Sachsen. Und wenn die Politik hier heute so in Nöten schwimmt, hat das genau damit zu tun, dass eine alte Staatspartei aufs Engste mit dem Staatsapparat verwachsen ist, entscheidende Staatsdiener nicht nur das richtige Parteibuch haben, sondern auch ein Schwergewicht in den staatstragenden Netzwerken sind – und einige Karrieristen auch von Anfang an ihren politischen Aufstieg aufs Engste mit Vorteilnahme und zwielichtigen Geschäften verbanden.

So eine Type ist Christen, den es letztlich gar auf ein Europamandat gehievt hat, sodass er jetzt von Straßburg aus seine Strippen zieht und im Darknet Killer anheuert, um Karin Wolf aus der Welt zu schaffen.

Da ermittelt es sich natürlich ganz und gar nicht mehr unbeschwert. Erst recht, wenn der neue Fall selbst an den Nerven zehrt, denn diesmal scheinen es die beiden Kommissarinnen mit einem Mörder zu tun zu haben, der Jugendliche mit aller Brutalität ermordet. Hat man es mit einer Autodiebe-Mafia zu tun, die mit einer konkurrierenden Schieberbande in Zwist geraten ist? Spielt eine Erpressung eine Rolle? Und wer ist jetzt wieder das U-Boot in Wolfs Team, das alle frischen Ermittlungsergebnisse an den zuständigen Staatsanwalt ausplaudert, der dafür bekannt ist, Ermittlungen mit allen in seiner Macht stehenden Möglichkeiten zu verhindern?

Am Ende ist auch dieser Staatsanwalt tot – aber da ist man schon mittendrin in der Weckerverzweiflung; die Mannschaft um Karin König war zwar fleißig und hat auch die fatalen Verhältnisse in den Familien der ermordeten (oder abgetauchten) Jungen gründlich erkundet, aber es zeichnet sich noch nicht der entscheidende Hinweis ab, welches Motiv hinter den brutalen Taten steckt.

Dass es ein ganz vertracktes Motiv ist, das auch mit den geradezu frustrierenden Familienverhältnissen zusammenhängt, mit denen es die Ermittler zu tun bekommen, wird erst am Ende klar. Allein in einigen dieser Schöner-Schein-nach-außen-Familien steckt jede Menge Zündstoff für blutige Dramen. Aber es ist ja, wie man weiß, die schöne, vergoldete Wirklichkeit unserer schönen neuen Welt, in der Vertrauen, Respekt und Liebe rar geworden sind, weil ja doch alles käuflich scheint.

Da denkt man natürlich auch kurz an die fatale Ähnlichkeit mafiöser Großunternehmen mit dem Gebaren, wie selbst in der zivilen Realität von einigen Unternehmen agiert wird. Dieses Denken hat ja auch die Politik zerfressen. Macht und Geld sind die heiligen Kühe der Zeit. Und das sorgt schon in den Schulen für durchaus kriminelle Selbstverständlichkeiten. Denn wenn Respekt und Wissen nicht mehr zählen, geht es nur noch um Geschäftemacherei, Gruppenschikane und das Mobbing von Schwächeren.

Es sind durchaus Kriminalromane, die den Leser noch mit dieser Wirklichkeit zu konfrontieren wagen. Und wäre diese Schule und diese Gesellschaft nicht so, etliches in diesem Kriminalfall wäre so eigentlich nicht denkbar.

Und natürlich überlegt man: Überzieht Sturm nicht doch an einigen Stellen zu sehr?

Wahrscheinlich. Denn er ist ein Bursche, der doch noch an den guten Kern im Menschen glaubt, selbst im Herzen seines Profikillers, mit dem er die schönen und die finsteren Seiten Dresdens erkundet und den er auch in der Dresdener Bandenwelt ein bisschen aufräumen lässt. Dabei bringt er es fertig, seine Helden alle fast gleichzeitig durch Dresden eilen oder schlendern zu lassen. Auch einen der Jungen, der in panischer Angst einen Ort sucht, an dem er in Sicherheit ist. Es werden wieder etliche Computer gehackt – man merkt die Berufsvergangenheit des Autors als Informatiker.

Aber wo, wenn nicht im magischen Reich des Krimis soll das Gute eigentlich noch triumphieren, wenn selbst in der Politik die Rotzlöffel-Mentalität Einzug gehalten hat und sich die obersten Repräsentanten von Staaten benehmen wie Mafiabosse? Zwar nicht in Sachsen, da haben wir es ja mit denkbar schwachen Ministerpräsidenten zu tun, die die dumpfe Provinzialität ihrer Parteiverbände irgendwie austarieren müssen und die Arroganz eines betonierten Machtapparates erst recht.

Den Roman aber wird sich garantiert keiner zu schreiben trauen, der dieses Dilemma auch nur in Bilder fasst. Obwohl: Stoff wäre genug da. Und Typen wie Christen in allen Sakko-Formaten gibt es in der sächsischen Politik genug, oft genug sind es genau die Strippenzieher, die Machtfragen genauso behandeln wir Francis Underwood in „House of Cards“. Nur dass sie das Licht der Öffentlichkeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Sind wir jetzt zu weit abgeraten vom Erzählstrang? Nicht unbedingt. Denn die Folgen dieser ungesehenen Netzwerke bekommen auch Karin Wolf und ihre Kollegen zu spüren. Wenn man selbst den Vorgesetzten in der Justiz misstraut und unter den falschen Entscheidungen und der Gier der praktizierten Politik leidet, dann entsteht ganz von allein ein Fatalismus, der die Arbeit der Kriminalpolizistinnen überschattet.

Lohnt es sich überhaupt noch, die ganzen kleinen und großen Ganoven zu jagen, wenn die einen mit banalen Strafen davonkommen und die anderen sich mit gut bezahlten Anwälten jederzeit freikaufen können? Wenn man selbst mit brutalsten Schlägertypen bei immer neuen Ermittlungen aufs Neue konfrontiert wird und sich fragt, was diese Brutalos eigentlich erst anstellen müssen, damit ihnen eine „unglückliche Kindheit“ nicht immer wieder zum Freispruch verhilft?

Das alles klingt mit an in Sturms neuem Roman. Vielleicht ist deshalb der Krimi aktuell das Beliebteste aller Genres: Weil er zeigen darf, wie kaputt unsere Gesellschaft hinter der blankgewienerten Fassade aus Konsum-Fetischismus und Eitelkeit eigentlich ist.

Und da Karin Wolf in diesem Buch ihren allergrößten Schrecken verliert, dürfte in weiteren Bänden wieder genug Bissigkeit da sein, den ganz großen Drecksäcken wieder mal den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.


© Leipziger Internet Zeitung | Ralf Julke | 15. Juni 2018